In dieser Reihe teilt unser Autor Manuel Stark jeden zweiten Montag handwerkliche Regeln und Hinweise zum Schreiben. Wir feiern den Erzähl-Journalismus. Weil eine Party nur zusammen Spaß macht, teilen wir unser Wissen. Und freuen uns über Austausch. Gemeinsam für die gute Geschichte!
Kapitel5: Die Suche nach dem richtigen Wort
Einer der größten Lügen der deutschen Sprachlehre besteht aus nur einem Wort. Synonym. Der Duden definiert: „Mit einem anderen Wort oder einer Reihe von Wörtern von gleicher oder ähnlicher Bedeutung, sodass beide in einem bestimmten Zusammenhang austauschbar sind.“
Synonyme gibt es nicht. Zumindest nicht für einen versierten Autoren. Erzähler sollten Extremisten sein, jeden Absatz, jeden Satz, jedes Wort und vielleicht sogar jede Silbe einer Geschichte abwägen. Passt es? Drückt es das aus, was ich beschreiben will? Oder führt das Wort in seinem Klang, seiner Anmutung, seiner Verwendung auf eine falsche Fährte? Verändert es vielleicht den Satzrhythmus so, dass es den größeren Zusammenhang verfälscht?
Das Problem der Duden-Definition liegt im Verb „austauschbar“. Natürlich gibt es Worte, die ähnlich klingen oder das gleiche bedeuten. Niemals aber zwei Wörter, die im selben Kontext exakt dasselbe aussagen.
Ob ich gegen eine Tür schlage oder klopfe, mag sich in der Beschreibung gleichen. Dasselbe ist es nicht. Es ist ein Unterschied, ob ich mit einem Knöchel-Hieb gegen eine Metalltür schlage, das Eisen erst laut scheppert, dann zitternd verklingt. Oder ob ich mit meinen Knöcheln klopfe, erst ein, dann zwei, dann vielleicht ein drittes Mal und das Scheppern so jedes Mal erneuere, das Zittern währenddessen nie richtig verstummt. Wenn ich gegen eine Tür trommle, wird das Scheppern zu einem Rhythmus, bei dem meine Knöchel die Tür so häufig und schnell hintereinander treffen, dass jedes Zittern nur den Bruchteil von Sekunden beschreibt, der sich fast unbemerkt zwischen meine Hiebe schiebt.
Der Autor Mark Twain beschrieb die Suche nach dem richtigen Wort als Zwang hinter einer jeden exzellenten Erzählung. „The difference between the right word and the almost right word, is the difference between the lightning and a lightning bug“, sagte er. Der Unterschied zwischen dem richtigen und dem nahezu richtigen Wort, das sei wie der Unterschied zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen.
Beim schlagen, klopfen oder trommeln gegen eine Tür mag die Suche nach dem richtigen Wort noch extrem erscheinen. Tauscht man das Beispiel, wird es deutlicher:
Der Fluss floss dahin. – eher still, unauffällig, gleichgültig, farblos
Der Fluss plätscherte dahin. – ein wenig lauter, auffälliger, verführerisch, idyllisch
Der Fluss strömte dahin. – laut, auffällig, schnell, kraftvoll
Merksatz:
Der Unterschied zwischen dem richtigen und dem nahezu richtigen Wort, das ist wie der Unterschied zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen.