Erzählen statt Labern: Vermeide Adjektive, nutze Bilder

In dieser Reihe teilt unser Autor Manuel Stark jeden zweiten Montag handwerkliche Regeln und Hinweise zum Schreiben. Wir feiern den Erzähl-Journalismus. Weil eine Party nur zusammen Spaß macht, teilen wir unser Wissen. Und freuen uns über Austausch. Gemeinsam für die gute Geschichte!

Kapitel6: Meide Adjektive, erzähle durch Bilder

Adjektive sind schlimm, unbrauchbar, schrecklich, furchtbar und überhaupt sollten wir sie aus der Sprache verbannen. Sie verführen zu Faulheit und zerstören die Bilder einer Erzählung.

Setzt man stattdessen auf Verben, entfalten Schilderungen eine Kraft, die jede Geschichte vorantreibt.

So radikal? Immer? Natürlich nicht. Adjektive können als eine Art Skizze eine Erzählung beschleunigen, Sätze eher bereichern, als Kraft und Klang zu rauben. Aber: Sie zu verwenden fordert immer Vorsicht. Jedes Adjektiv birgt die Gefahr, einen Text zu verwässern.

Als Dozent unterrichte ich zu Storytelling, Dramaturgie und die Macht von Sprache regelmäßig an Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen. Dort habe ich inzwischen mehrere Dutzend Male dasselbe Experiment durchgeführt. Ich fordere meine Studentinnen und Studenten dazu auf, stichpunktartig auf einem Zettel zu notieren, was für sie ein „schönes Haus“ ausmacht. Danach lasse ich sie ihre Stichpunkte nacheinander vorlesen.

Die einen stellen sich eine Holzhütte am Berg eines norwegischen Fjords vor, umgeben von dichten Fichten- und Kiefernwäldern. Die Hütte robust im Bau, karg in der Einrichtung, mit Möbeln aus Holz und Räumen, die Platz bieten für etwa fünf Menschen.

Die anderen erzählen von einem Glaspalast, transparent und offen soll sich ihr Haus zeigen, nach Innen und Außen, sodass man vom Schlafzimmer bis hinunter in den Keller sehen kann. Nur das Schlafzimmer, da sollen die Wände dimmbar sein – zu Milchglas werden, per Knopfdruck.

Die nächsten schildern ein Stahl-Konstrukt, am Boden schwarzer und weißer Marmor, vielleicht als Schachbrett angeordnet. Decken, mehrere Meter hoch, Fenster durch die Licht die Räume füllend flutet. Gemälde an den Wänden, Couch und Sessel aus Leder, Zierpflanzen in den Ecken – aus Plastik, weil Natur zu viel Schmutz in das Heim trägt, während der Blüte.

Die danach schildern Backsteinhäuser, Sandsteinheime, Klinkerbauten, Bauernhöfe, … Kurz: „Schön“ deutet jeder dem eigenen Empfinden nach anders.

Suchen die Autorinnen und Autoren stattdessen Verben, um ihr Traumhaus zu beschreiben, entstehen Erzählungen wie diese einer Studentin am Journalistik-Seminar der Uni Mainz:

Der mit Lehm verputzte Sandstein glüht orange, wenn die Sonne sich am Abend hinter den Sanddünen versteckt. Das Dach ist flach und breit genug, dass ein Dutzend Menschen ihre Liegestühle zum Sonnenbaden aufstellen könnten. Eine Tür gibt es nicht, stattdessen bricht ein rechteckiger Quader, zwei Meter hoch und etwa einen halben Meter breit, ein Loch in die Fassade. Verdeckt wird er von einem Tuch aus weißem Leinen, das bis auf den Boden fällt, wo Staub den Saum graugelb färbt…

Vielleicht ist das, was sie beschreibt, kein schönes Haus für mich. Für sie aber ist es eines. Und ich als Leser kann mir – zumindest grob – vorstellen, wie es aussehen muss. Und erschaffe in meinem Kopf nicht eine Vorstellung, die meinem schönen Haus entspräche, aber weit wegführt von dem, was sie mir zeigen möchte.

Wenn Autoren auf Adjektive zurückgreifen, moderieren sie oft nur noch, sie fällen Urteile über das von ihnen Erlebte. Dadurch hören sie auf zu erzählen.

Sobald Worte wie „schön“, „gut“, „freudig“, „freundlich“, „niedlich“, „charmant“, „schüchtern“, in den Text drängen, hilft es, zu überlegen: Was bringt mich dazu, dieses Urteil zu fällen? Was habe ich erlebt, das diesen Eindruck in mir erzeugt hat? Und dann: besser genau das beschreiben!

Ein Student der Universität Bamberg schrieb in einer Reportage über einen „schüchternen Mann“. Ich fragte ihn, wie er diesen Mann erlebt habe, dass er nun schreibe, der Herr sei schüchtern. Er erzählte davon, dass er den Mann auf seiner eigenen Geburtstagsfeier begleitet habe. Wir halfen zusammen und schrieben die Textstelle daraufhin um:

Es gibt Menschen, die betreten einen Raum und nehmen ihn sofort für sich ein, ihre Gesten sind ausladend, ihre Mimik markant, ihre Worte poltern laut über andere hinweg. Dieser Mann ist anders, er schleicht mehr als dass er geht und behält seine Arme entweder um die Brust geschlungen oder an die Seiten gepresst, wenn er spricht, dann so leise, dass alle schweigen müssen, um ihn zu verstehen. Still aber werden die anderen selten.

Merksatz:

Meide Adjektive, suche Verben, nutze Bilder um zu erzählen, statt mit Urteilen zu moderieren.