Erzählen statt Labern: Einstieg – Bruch & Nähe

In dieser Reihe teilt unser Autor Manuel Stark jeden zweiten Montag handwerkliche Regeln und Hinweise zum Schreiben. Wir feiern den Erzähl-Journalismus. Weil eine Party nur zusammen Spaß macht, teilen wir unser Wissen. Und freuen uns über Austausch. Gemeinsam für die gute Geschichte!

Kapitel1: Einstieg – Bruch & Nähe

Ein Text braucht einen szenischen Einstieg, um zu wirken. So oder ähnlich lautet eine vielzitierte Regel gegenüber Einsteigern im Journalismus. Aber: Das ist nicht ganz wahr. Wichtig ist nicht die Szene, sondern die Nähe, die sie aufbaut. Damit ein Text Sog entwickelt, muss er von Beginn an einen Schlüsselreiz aufwerfen, also etwas, mit dem ein Leser sich identifizieren kann. Szenen eignen sich deswegen oft sehr gut, weil sie durch Handlungen Kino im Kopf erzeugen und wir uns gedanklich in fast jede Handlung einfühlen können. Denselben Effekt erzeugen kann aber auch ein Gedanke, eine Metapher oder eine Frage.

Wichtig ist, klar, präzise und möglichst einfach zu formulieren anstatt sich in der Suche nach möglichst klangvollen Beschreibungen zu verlieren. Natürlich ist der Klang von Worten ein wertvolles Instrument, Nähe aber entsteht am besten durch das konkrete, das treffende Wort.

Ein toller Einstieg liefert nicht nur Identifikation, sondern bricht mit dem Erwartbaren – und schafft so noch größere Nähe, durch Neugier.

Merksatz:

Jede gute Geschichte birgt das Versprechen, einen Teil von uns in ihr wiederzufinden – und jeder gute Einstieg ruft dieses Versprechen dem Leser zu.

Beispiele:

„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.“ (TolstoiAnna Karenina)

„Es ist Sonntag, milchblauer Glast hängt über dem Meer, und der Zwanzigtausend-Menschen-Retter hat keinen, der ihn feiert.“ (Dimitri LadischenskyDas Dilemma des Commandante, mare Nr. 49)

„Die eigene Hässlichkeit kann ein Rausch sein. Wenn man sie umarmt und das Grauen in den Gesichtern derer sieht, die einen beobachten und verachten, aber sich nicht an einen herantrauen, dann strömt Macht durch die Adern wie elektrischer Strom.“ (Daniel SchulzWir waren wie Brüder, taz am Wochenende)