Wie der Herdentrieb Toilettenpapierkrisen auslöst: Fünf Denkfehler im Umgang mit dem Coronavirus und was wir gegen sie tun können

Text: Ruth Fulterer, Illustration: Joana Kelén

Dass alles anders wird, ist kaum vorstellbar – bis alles anders wird. Das erleben wir gerade.

Das Coronavirus macht uns bewusst, wie fragil unsere Routinen sind, und zugleich, wie sehr unser Gehirn mit diesen Routinen arbeitet. «Schnelles Denken» hat der Nobelpreisträger Daniel Kahneman das in seinem Bestseller über Verhaltensökonomie genannt. Es arbeitet unbewusst und intuitiv, im Gegensatz zum «langsamen Denken», das sich aktiviert, wenn wir Probleme bewusst analysieren.

Im Umgang mit neuen Problemen liegt unsere Intuition besonders oft daneben, wie die folgenden Beispiele im Zeichen der Corona-Krise zeigen.

1. Exponentielles Wachstum

Der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr schrieb am 10. März folgenden Tweet: «Wir haben eine Erkrankungsrate von 0,0001 Prozent der Bevölkerung. Also ich würde gerne einfach auftreten am Wochenende . . .» Weniger als zwei Wochen später muss man sagen, der Spruch ist schlecht gealtert. Denn langsam verstehen alle, was exponentielles Wachstum heisst.

Ein bekanntes Gedankenexperiment besteht darin, auf das erste Feld eines Schachbretts ein Reiskorn zu legen, auf das zweite das Doppelte, auf das dritte wiederum doppelt so viel wie auf das zweite – und so weiter. Dieselbe Dynamik entsteht, wenn jeder Corona-Kranke zwei andere Personen ansteckt. Auf dem zehnten Feld des Schachbretts würden dann 512 Reiskörner liegen, auf dem dreissigsten 536 870 912, und am letzten Feld würde die Reismenge ausreichen, um ganz Deutschland mit einer einen Meter hohen Schicht zu bedecken.

Dagegen hilft: Bilder wie dieses sind eine Möglichkeit, solche Dynamiken greifbar zu machen. Eine andere sind Visualisierungen in der Form von Kurven. Achten Sie bei den Corona-Kurven auf die vertikale Achse: Oft handelt es sich um eine logarithmische Skala statt einer linearen. In einer logarithmischen Skala ist die vertikale Achse gestaucht. Ein Beispiel für eine lineare Achse mit drei Abstufungen: 1, 2, 3. In einer logarithmischen Skala würden die Abstufungen folgendermassen aussehen: 1, 4, 9. Kurven werden dann so dargestellt, dass sie in die Zeitung oder auf den Bildschirm passen. Die realen Verhältnisse sind dadurch allerdings optisch verfälscht.

2. Verzögerte Folgen

Beim Coronavirus kommt zum exponentiellen Verlauf noch erschwerend dazu, dass von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit normalerweise fünf, manchmal elf Tage vergehen. Das Virus ist also jeweils um einiges weiter verbreitet, als wir denken.

Deshalb kommen Massnahmen oftmals zu spät, und deshalb dauert es bis zu zwei Wochen, bis Massnahmen greifen und ihre Resultate sichtbar werden.

Dagegen hilft: Der Blick auf andere Länder, die in derselben Entwicklung etwas weiter sind. Theoretisch. Die Praxis hat gezeigt, dass es Regierungen und Bevölkerungen schwerfällt, zu reagieren, bevor das Problem tatsächlich sichtbar ist.

3. Herdendenken

Zuerst passiert lange nichts. Dann bricht plötzlich Panik aus. Jeder redet nur noch von Corona, Leute kaufen Nudeln in Grosspackungen und werden dafür von anderen Einkäufern gemassregelt – und das unter sonst so zurückhaltenden Schweizern.

Björn Bartling, Verhaltensökonom an der Uni Zürich, hat eine Erklärung hierfür: «In Zeiten grosser Unsicherheit orientieren wir uns vor allem am Verhalten anderer.» Das kann negative und positive Folgen haben.

Einerseits kann das Toilettenpapier knapp werden. So geschehen 1973 in den USA. Johnny Carson, der damals die «Tonight Show» moderierte, erzählte seinen Zuschauern, dass das Toilettenpapier knapp werde – das war erfunden. Es war die Zeit nach der Ölpreiskrise. Die Amerikaner waren es gewohnt, dass Dinge knapp werden, und fingen an zu horten. Man schaute das Verhalten voneinander ab, was dazu führte, dass man im Supermarkt tatsächlich kaum mehr Toilettenpapier fand und es am Schwarzmarkt gehandelt wurde, wie dieses (englischsprachige) Video des amerikanischen Magazins «Atlantic» zeigt.

Wenn wir Fotos von leeren Supermarktregalen geschickt bekommen, glauben wir, dass es doch nicht schaden würde, zu hamstern. Und wenn wir umgekehrt sehen, dass trotz Warnungen alle draussen in der Sonne sitzen, nehmen wir das Problem selbst weniger ernst.

Dagegen hilft: Den Institutionen zu trauen (oder trauen zu können). In der Schweiz ist das Vertrauen in die offiziellen Stellen hoch, die Informationen öffentlich und transparent. 80 Prozent trauen der Regierung, mehr als in allen anderen OECD-Staaten. Und wenn Coop und Migros sagen, dass ihre Lager voll seien, dann sehen nur wenige Bürger einen Grund, panisch für sich vorzusorgen.

Herdendenken hat insofern auch positive Folgen: Wenn wir sehen, dass Strassen und Trams leer sind und andere versuchen, ihre sozialen Kontakte einzuschränken, werden wir darin bestärkt, es ihnen gleichzutun. Kluge Regierungen könnten den Herdeneffekt für sich nutzen, sagt Bartling: «Anstatt zu sagen: ‹Bleiben Sie bitte daheim›, könnte man kommunizieren: 90 Prozent der Leute halten sich an die Regeln. Die Forschung zeigt, dass das wirkt.»

4. Kollektives Handeln

Sozialer Druck hilft dabei, eines der grundlegendsten Probleme der Ökonomie zu lösen: das Problem des kollektiven Handelns. Jeder Einzelne müsste der Gemeinschaft zuliebe auf etwas verzichten, für die Person selbst überwiegt aber der persönliche Nutzen.

Wenn ich zum Beispiel als Einzige aus dem Haus gehe, während alle drinbleiben, dann habe ich den grösstmöglichen Nutzen: Ich verzichte auf nichts, und das Virus wird trotzdem gebremst. Wenn ich der einzige Barbesitzer bin, der den Betrieb schliesst, dann nutzt das niemandem, und ich habe den grössten Schaden. Und auch Gesichtsmasken helfen gegen das Virus nur, wenn viele eine tragen. Die Träger schützen damit in erster Linie andere, nicht sich selbst.

Wenn alle im engen Sinne eigennützig handeln, versagt die Virusbekämpfung. Das Ergebnis sind Nachteile für alle.

Dagegen hilft: Auch hier helfen Informationen und sozialer Druck. Am wichtigsten ist aber politisches Handeln: Die Gesellschaft gibt sich gemeinsame Regeln, an die sich alle halten – zum Beispiel die Regel, dass Bars und Schulen geschlossen bleiben müssen.

5. Rückschaufehler

Am Ende hat man immer alles kommen sehen. Der «hindsight bias», also der Rückschaufehler, besteht darin, bei schlimmen Ereignissen im Nachhinein zu denken, man hätte ihr Eintreten erwarten können. Das mache unzufrieden mit der politischen Reaktion, sagt Bartling: «Man glaubt jetzt, dass man schon früher stärker hätte reagieren müssen. Was eine Massnahme tatsächlich gegen Corona gebracht hat, wird man nie sagen können. Echte Vergleichsgruppen wie in der Wissenschaft gibt es nicht.»

Dagegen hilft: Schreiben. Wer seine Gedanken notiert, der kann später nachlesen, ob er wirklich schlauer war als die anderen. Als Journalistin muss ich Sie aber warnen – die Erfahrung kann demütig machen.