Unvergessliche Sätze: „Kannst du eigentlich deine eigene Wäsche waschen?“

Es gibt Sätze, hinter denen sich Geschichten verbergen – schöne und traurige, mutmachende und verletzende. Fünf Menschen erzählen von dem einen Satz ihres Lebens, den sie nicht vergessen können.

Erschienen in ZEIT-Magazin, 12.10.2022

Katharina Reckers, 27, TV- und Radio-Autorin: Ich war damals 16, in der zehnten Klasse und schlichtweg genervt. Vom Leben, von der Schule, von meinen Eltern. Als mich an einem kalten Tag im Februar 2012 der Dorfbus um 14.25 Uhr nach der Schule in meinem kleinen Heimatort in Brandenburg absetzte, war Mama schon zu Hause. Das war ungewöhnlich, um diese Zeit arbeitete sie sonst als Erzieherin in der Kita. Ich dachte mir nichts dabei und wollte schnellstmöglich in meinem Zimmer verschwinden. 

Nichts da. Mama rief mich zu sich. Sie war oben in der kleinen Waschküche. Wir leben in einem Fachwerkhaus. Es ist immer überall etwas kühl und riecht nach Holz. Doch in der kleinen Waschküche war es an diesem Tag angenehm warm, ein blumiger Persilduft lag in der Luft. Schnell hüpfte ich die Treppe hoch und betete innerlich, dass sie jetzt nicht so was Nerviges wie Spülmaschine ausräumen oder einkaufen von mir wollte. „Was denn?“, fragte ich, als ich oben ankam. 

Ich sehe sie noch genau vor mir: Sie stand da, mit ihren kurzen schwarzen Haaren, in dem hellblauen Wollpullover von Papa, den sie zu Hause gerne trug, und hängte die Wäsche auf. Ich wartete in der geöffneten Tür, sie drehte sich zu mir um und blickte mich an. Ich spürte, sie wollte etwas klären. 

„Kathi, kannst du eigentlich deine eigene Wäsche waschen?“, fragte sie. Sie schaute mich an, irgendwie ernsthaft, liebevoll, sodass ich nicht sofort antwortete. „Also, könntest du das auch alleine?“, hakte sie nach. Schnell zeigte ich auf die kleine Öffnung in der Waschmaschine und sagte: „Hier Pulver rein und dann auf 40 Grad.“ Dann drehte ich mich um und hüpfte die Treppe wieder runter. Mit einem komischen Gefühl.

Meine Mutter war zuvor beim Arzt gewesen. Zwei Tage nach unserem Gespräch bekam sie die Diagnose: Brustkrebs.

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