Nicht ohne meine Mutter

Eine Frau in Iran wird verhaftet. Ihre Tochter in Deutschland vermutet: als Druckmittel für politische Verhandlungen. Seit fast einem Jahr kämpft die Tochter nun um die Freiheit ihrer Mutter – laut, trickreich und mit zumindest ein bisschen Erfolg

Erschienen im SZ-Magazin, 5.08.2021 // Foto: Julia Sellmann

Das Wiener »Hotel Imperial« ist ein Ort, an dem Zei- tungen noch gebügelt werden. Ein Service für Gäste, die morgens keine Druckerschwärze an den Fingern haben möchten. Hier ist die US-Delegation untergekommen. Im Hotel schräg gegenüber verhandelt die iranische Delegation – mit der Forderung, dass die Amerikaner im »Hotel Imperial« bleiben. Seit Karfreitag, dem 2. April 2021, tagt Iran in Wien über das Atomabkommen. Mit dabei sind seinerzeit außerdem die fünf weiteren Beteiligten des Deals – Russland, China, Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Die Europäer sind auch die Vermittler zwi- schen Iran und den USA, von Hotel zu Hotel.
900 Kilometer entfernt, in Zollstock, einem südlichen Stadtteil von Köln, beobachtet Mariam Claren die Küchenuhr. Ziffern, die im Uhrzeigersinn bedrohlicher wer- den. Es ist Ostermontag, der 5. April. Ein halbes Jahr lang sitzt ihre Mutter Nahid Taghavi schon im iranischen Evin-Gefängnis in Isolationshaft.
Vor Kurzem wurde Nahid Taghavi in den Frauentrakt verlegt. Um Punkt 9:50 Uhr darf sie ihren Bruder in Schiras, in Iran, anrufen. Claren streicht die dunklen Haare zurück und stellt sich neben den surrenden Router. Dann wählt sie die Nummer ihrer Tante. So kann sie an dem Gespräch teilnehmen.
9:51 Uhr: Ein Flüstern: »Deine Mama ruft nicht an.«
Mit jedem Blick zur Küchenuhr wird die Stille lauter. Das Atmen der Tante. Ein Räuspern des Onkels. Niemand schlägt vor aufzulegen.
10:09 Uhr: Der Sohn einer anderen Inhaftierten meldet sich. »Deine Mutter ist wieder in Isolationshaft.«
Clarens Stimme zittert: »Jeder weiß, was in diesem Augenblick in Wien stattfindet.«

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