Erzählen statt Labern: Der Kuleshov-Effekt

In dieser Reihe teilt unser Autor Manuel Stark jeden zweiten Montag handwerkliche Regeln und Hinweise zum Schreiben. Wir feiern den Erzähl-Journalismus. Weil eine Party nur zusammen Spaß macht, teilen wir unser Wissen. Und freuen uns über Austausch. Gemeinsam für die gute Geschichte!

Kapitel7: Der Kuleshov-Effekt – Erzählen durch Weglassen

Ein einziges Bild unterscheidet liebevoll von pervers, eifersüchtig von gerecht, frech von fröhlich. Diese mehr als 100 Jahre alte Erkenntnis ist noch heute eines der wichtigsten Instrumente für das Erzählen guter Geschichten.

Sie stammt vom Sowjet-Filmemacher Lev Kuleshov, um 1910, und bedeutet in ihrer simpelsten Form: Gib deinen Zuschauern, Lesern, Hörern, immer nur den Rechenweg vor, niemals das Ergebnis. Menschen lieben es, sich intelligent zu fühlen, für Erkenntnis zu arbeiten und beim rezipieren einer Geschichte zumindest ein wenig ihre eigene Kreativität anzustrengen. Das schafft Verbindung, Identifikation, Nähe – und erzeugt Sog.

Immer: „2+2 =“. Niemals: „4“.

Um das zu beweisen, führte Alfred Hitchcock ein Experiment durch: Er zeigte verschiedenen Publikumsgruppen das Gesicht eines alten Mannes: Der Ausdruck, neutral, verzieht sich langsam zu einem Lächeln.

Das eine Mal fügte Hitchcock als zweites Bild eine Szene an: eine junge Frau spielt mit ihren zwei Kindern. Dann fragte er sein Publikum, wie es wohl um den Charakter des Mannes stehe, welche Art von Mensch sei das wohl? Ein gütiger Großvater, ein warmherziger Alter, ein liebevoller Gentleman, vielleicht ein Freund der Familie. Jedes Mal waren die Zuschreibungen positiv, schilderten einen zugewandten, vertrauenswürdigen Menschen.

Das andere Mal schnitt Hitchcock als zweites Bild wieder eine junge Frau in die Sequenz: Diesmal entledigte sie sich ihres Kleides, um sich im Bikini am Strand zu sonnen. Die Reaktionen des Publikums unterschieden sich heftig. Lüstling! Perverser alter Mann! Notgeiler Spanner! Kein einziges positives Urteil, stattdessen unterstellten manche dem alten Herren gar die Bereitschaft zu einem Sexualverbrechen.

Beide Male war es genau dasselbe Gesicht, genau derselbe Wandel des Ausdrucks, es war die exakt selbe Filmsequenz. Die darauf folgenden Bilder hatten nichts mit dem Mann zu tun und wurden beide Male völlig fremden Kontexten entnommen. Trotzdem waren – egal, wie oft Hitchcock sein Experiment wiederholte – die Zuschauer jedes Mal überzeugt von ihrem jeweiligen Urteil und sahen keinerlei Grund, an ihrer Einschätzung zu zweifeln.

Wir deuten Eindrücke also niemals einzeln, sondern immer nur in Bezug auf ihren Kontext. Diesem Effekt zu Grunde liegt ein Phänomen der Psychologie. Unser Hirn ordnet neue Sachverhalte ein, indem es nach Lektionen aus unserem Erfahrungsschatz sucht, mit denen es das aktuelle Geschehen abgleichen kann. Diese Erfahrungen übersetzt es in ein „wenn, dann“-Muster. In der Frühzeit des Menschen waren diese Fähigkeiten und Ableitungen wichtig, um das Überleben unserer Spezies zu sichern. „Wenn Raubtier, dann lauf weg!“ Je nach Kontext verschiebt sich das Muster, nachdem unser Hirn Erfahrungen analysiert und als „passend“ für die aktuelle Situation einstuft und abruft.

Für eine Erzählung bedeutet das: Nicht nur das, was ich erzähle, ist Teil meiner Geschichte. Genauso wichtig ist das, was ich nicht erzähle. Jedes Weglassen verändert, genauso wie jedes Hinzufügen, den Kontext einer Schilderung.

Das eröffnet eine neue Ebene des Erzählens: Die des Lesers, Hörers oder Zuschauers als Selbst-Erzähler. Durch Weglassen öffne ich Räume, die mein Leser mit eigener Erfahrung flutet. Das schafft Identifikation durch Wiedererkennen des eigenen Selbst in jeder noch so fremden Handlung, Situation der Figur. Nichts stärkt deutlicher den Sog einer fesselnden Geschichte.

Zu oft berücksichtigen Autoren den Kuleshov-Effekt nicht. Dann doppeln sich die von ihnen genutzten Bilder, Sätze oder Schilderungen nur mit den Gedanken und Erkenntnissen, die mein Leser ohnehin durch eigene Erfahrung und Erwartung in seinem Kopf erschafft. Solche Dopplungen zerstören Spannung, schwächen Geschichten, erzeugen Langeweile und Erwartbarkeit. Erzähle ich stattdessen nur das Notwendige und vertraue dem Leser, die Zusammenhänge selbst herzustellen, mute ich ihm eigene Leistung zu – er arbeitet mit, für sein Erleben.

Beispiel; jeder kennt es aus Horror-Filmen, Thrillern oder Krimis:

Bild 1: Zoom auf die Waffe.
Bild 2: Ein Mensch ist gerade unaufmerksam, etwa weil er duscht.
Bild 3: Polizei zieht den Leichensack zu.

Weder muss man den Weg des Mörders in das Haus zeigen, noch die Begegnung von Opfer und Täter, noch die gewaltsame Auseinandersetzung und den Mord. Das alles findet – mal mehr, mal weniger blass – als logische Konsequenz in unseren Köpfen statt. Man weiß, was passiert ist. Das spart Sendezeit und lädt den Zuschauer zum Mitarbeiten ein, über das wie des Tathergangs zu rätseln.

Würde ein Filmemacher stattdessen jeden einzelnen Schritt zeigen, käme er vermutlich alleine für diese Szene auf etwa 20 Minuten Sendezeit – statt auf die üblichen 2-3, die eine solche Szene in einem Film einnimmt.

Im Erzähljournalismus zeigen sich Verstöße gegen den Kuleshov-Effekt oft dann, wenn Autoren zeigen wollen, wie schlau, intellektuell oder gebildet sie sind. Dann verwechseln sie „Einordnung“ mit Eitelkeit.

Natürlich ist auch mir das schon passiert. Ich schrieb im Rahmen meiner Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule über ein Ehepaar, das seinen letzten gemeinsamen Urlaub am Starnberger See verbringt. Sie ist Herzkrank, er hat aggressiven Krebs. Das sah dann so aus:

Sie sitzen nebeneinander auf der Bank am Ufer, er sucht ihren Blick aber sie sieht ihn nicht an. Der Starnberger See ohne ihren Alfons? Wenn ein Mensch stirbt, mit dem man mehr als 60 Jahre zusammen war, was bleibt dann noch? Was bleibt von einem selbst übrig? Man definiert sich ja doch auch immer über das Umfeld. Mit dem vertrauten Menschen stirbt ja nicht nur der Geliebte, es stirbt auch der eigene Platz in der Welt.

Gestattet mir hier bitte Ehrlichkeit: Das ist von Eitelkeit getriebene Pathos-Scheiße. Die Sätze sprechen das Offensichtliche aus, statt eine Szene zu erzählen. Sie stellen den Tiefsinn des Autoren auf die Bühne, statt darauf zu vertrauen, dass Leser ebendiese Fragen und Empfindungen durch eine gelungene Erzählung in sich selbst spüren – ohne, dass ich als Autor sie ihnen vorkaue. Der Text spart an der Rechnung (2+2), um das Ergebnis laut herauszubrüllen (= 4!!!!!). Ich vertraute der Geschichte nicht, wollte stattdessen mit Schläue und Sprache prahlen.

Besser wäre gewesen:

Es ist Mittag, bei über 30 Grad brennt die Seeoberfläche in Weiß. Alfons und Henriette haben sich auf eine Holzbank geflüchtet, im Schatten einer Linde. Sie reden über ihren ersten Kuss vor mehr als 60 Jahren, auch da saßen sie unter einer Linde, erinnert sich Alfons. Ne, eine Fichte, widerspricht Henriette. Alfons stöhnt auf. Beide lachen. „Ich will, dass du für mich wieder hierher kommst“, sagt Alfons. „Wieso?“, fragt Henriette. „Die Geräusche hier. Die Landschaft. Wenn du an mich denkst, will ich dich nicht in einer Kirche haben. Dann sollst du raus.“ Sie gräbt ihr Gesicht in seine Schulter, ihre Hände krallen sich in sein Hemd. Sie zittert.

Merksatz:

Gib immer den Rechenweg vor, niemals das Ergebnis.