Liebe, Stift, Papier

Als Dreizehnjähriger schrieb unser Autor Gabriel Proedl einen Brief an ein Mädchen, Dora. Eine Antwort erhielt er nie. Jetzt, fast zehn Jahre später, will er wissen, warum. Und warum ihn das Briefeschreiben bis heute nicht losgelassen hat. Er kontaktiert alle seine bisherigen Briefpartner, und am Ende auch Dora.

Erschienen in ZEIT Christ&Welt, 27.1.2021

Ich muss dreizehn gewesen sein, als mein Lehrer in der Französischstunde fragte, wer von uns regelmäßig Briefe schreibe. Keiner meldete sich. Und wer würde gerne Briefe bekommen? Dora, eine Mitschülerin, streckte ihren Rücken beim Aufzeigen durch, um die Hände der anderen zu überragen. Ich war seit Wochen in Dora verliebt. Sie war gut in der Schule, ohne ständig zu lernen, war sportlich, blitzgescheit, beliebt und dennoch reserviert; sie war keine, die allen um den Hals fiel. Ich versuchte immer wieder, mit ihr zu plaudern, umarmte sie, wann immer es ging – und schrieb ihr kurz nach der Französischstunde meinen ersten Brief. Eine Antwort bekam ich nie. 

Aus uns wurde nichts, doch die Liebe zum Briefeschreiben ist gewachsen. Jetzt bin ich zweiundzwanzig und schreibe immer noch, an Freunde und Bekannte – meist bekomme ich eine Antwort. Ich mag diesen niedergeschriebenen Gedankenaustausch, das Warten auf die Erwiderung, das Tagebuchschreiben mit Dialogpartner. Früher kannte ich kaum jemanden, der Briefe schrieb, doch jetzt, während der Pandemie, ändert sich das: Auf Twitter posten Jugendliche, dass sie ihren Großeltern schreiben, statt sie zu besuchen, kirchliche Einrichtungen veranstalten Briefschreibaktionen für Schulklassen an Altersheime, und mehrere Eltern erzählen mir, dass ihre Kinder schreiben, um mit Schulfreunden in Kontakt zu bleiben. Alle schreiben sie jetzt. Ich fühle mich wie der Fan einer Indie-Band, die gerade ihren Durchbruch hat. 

Ich bin mit dem Internet aufgewachsen, fand es unheimlich, aber auch faszinierend. Als Kind ging ich über den Computer ins Netz, googelte „Yeti“ weil ich nicht glauben wollte, dass es die Gestalt wirklich gab, und tatsächlich: ich fand Bilder. 

Dann, der Aufstieg des iPhones – das Internet war plötzlich immer dabei. SchülerVZ, Facebook, Instagram. Der Whatsapp-Messenger, chatten in Gruppen, oberflächliche Nachrichten, „wie geht’s, was machst?“ und oberflächliche Antworten, „eh gut, nix, du?“ 

Mit dem Briefeschreiben wollte ich dem entgegenhalten. Auf echtem Papier, mit echten Stiften schreiben, Entwürfe machen, bis jedes Wort seine Berechtigung hat. Dann dreimal falten, rein in den Umschlag, Briefmarke drauf und zum Briefkasten gehen. 

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