Kuss zurück

Es gibt gute Gründe, nicht zu Opa zu fahren, dachte unsere Autorin vor einem Jahr. Sie schob den Besuch auf – und kam zu spät.

Erschienen in ZEIT-Magazin, 29.12.2021 // Illustration: Molly Fairhurst

Mein Großvater wurde in einem Wildblumengrab beigesetzt, und das als jemand, der allem Aufblühen von Wildheit in seinem Garten rigoros den Kopf abschnitt. Die kleine Urne verschwand zwischen toten Blüten, wir traten ans Grab, Erde traf auf Erde. Meine Großmutter stieg in einen Wagen, wie man ihn auf einem Golfplatz fährt, da sie den verschneiten Weg über den Friedhof am Stock nicht mehr schaffte. Ihre Worte am Grab waren für mich gewesen, das Lächeln für die wenigen Gäste, die letzte Geste galt nur ihrem Mann: eine Hand in der Luft. Abschied nach 63 Jahren, während der Wagen mit ihr davonzockelte.

Mein Großvater hatte die Zeit nach seinem Tod vorbereitet. 1500 Euro hatte er hinter der Holzkommode versteckt, in kleinen Scheinen. Zwanziger, Zehner, Fünfer. Scheine, mit denen man einkaufen gehen kann, Buttermilch, Honig, Graubrot, Heringssalat. Oder jemanden an der Tür fürs Einkaufen bezahlen. Meine Großmutter hat nie gelernt, einen Bankautomaten zu bedienen. Ohne Hilfe konnte sie die Wohnung ohnehin nicht mehr verlassen. Drei Stockwerke schaffte sie nicht mehr. Er wollte, dass sie ausreichend Bargeld im Haus hatte.

Als er vor einem Jahr starb, fühlten drei Menschen sich schuldig: mein Vater, weil er ihm nicht mehr geholfen hatte. Die Pflegerin, weil sie ihm nicht mehr Morphium gegeben hatte. Ich, weil ich zu spät gekommen war. Drei Tage zu spät. Kurz nach Weihnachten.

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