Ironie ist schon wieder over

Zuletzt kleideten sich Modebewusste ironisch hässlich. Dann kam Corona und niemand brauchte mehr Mode. Schon gar keine hässliche: Zeit, die Schönheit wiederzuentdecken.

Erschienen bei ZEIT Online, 09.06.2020

Es stand zuletzt nicht gut um die Schönheit. Sie schien überholt, antiquiert, nicht mehr zeitgemäß – zumindest als Idee. Und auch wer ganz praktisch versuchte, auf hergebrachte Weisen schön zu sein oder wenigstens schön auszusehen, machte sich lächerlich. Die Straßen der Großstädte Europas waren gesäumt von Menschen in möglichst unförmiger Kleidung. Es war ein Phänomen, das man den Imperativ ironischer Hässlichkeit nennen konnte. 

Ganz bewusst ist der vorangegangene Absatz in der Vergangenheitsform geschrieben. Denn durch die Corona-Krise könnte die Schönheit eine zweite Chance bekommen und Hässlichkeit und Ironie könnten wieder aus der Modeverdrängt werden. Doch bevor sich diese These und doch ganz erfreuliche Nachricht ausführen und belegen lässt, muss leider erst geklärt werden, wie es überhaupt so weit kommen konnte.

Wann genau es losging mit der Mode des Hässlichen, ist auch rückwirkend nur schwer zu sagen. Begann es zum Beispiel damit, dass manche Männer Ende der Nullerjahre Flanellhemd und Herrendutt gegen unförmige Weihnachtspullover und Hornbrillen eintauschten? Jedenfalls war es 2014, als der deutsch-georgische Designer Demna Gvasalia das, was sich bereits andeutete, verbal so zuspitzte, dass es für potenziell jeden nachvollziehbar wurde. Er sagte: „It’s ugly, that’s why I like it„. Etwas lieben, weil es hässlich ist: Das schien dann auch die Mission des Labels Vetements zu sein, das Gvasalia gemeinsam mit anderen Absolventen des Modefachbereichs der Antwerpener Kunstakademie in der ungebrochen schönen Stadt Paris gründete. 

Das Phänomen, dass sich junge Menschen aller Geschlechter und sexuellen Präferenz immer mehr dem Unkonventionell-Unästhetischen hingezogen fühlten, fand im Klobigen und Kastenförmigen der Entwürfe des Modehauses seine Vollendung; Vetements widmete zudem völlig antiexklusive Arbeitskleidung wie etwa die Logo-T-Shirts der DHL-Paketboten in begehrenswerte Produkte um, indem es sie einfach unfassbar überteuert anbot. Man konnte das als Verhöhnung hart arbeitender Menschen verstehen (was es mutmaßlich nicht war) – oder als ironische Kritik am Brand-Wesen der Modebranche: Logos wecken Begehrlichkeiten, also kann man durch sie das eigentlich Nichtbegehrte zu Wertvollem umdefinieren. Dass Paketboten in der Corona-Krise einmal in den Rang des nahezu Systemrelevanten aufsteigen sollten, konnte Gvasalia nicht ahnen. Aber die Kategorie der „Ugly Fashion„, der „hässlichen Mode“, war damit geschaffen. 

Die Antiästhetik des High-End-Labels Vetements …

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