Geteiltes Leid

Geteiltes Leid

Ein Ehepaar verliert sein einziges Kind durch einen Motorradunfall. Die Mutter will das Motorrad loswerden, um das Unglück verarbeiten zu können. Der Vater will es reparieren – aus dem gleichen Grund.

(Veröffentlicht in: Süddeutsche Zeitung Magazin)

Textausschnitt: 2. AUGUST 2015

Die Großmutter hätte aufs Motorrad spucken sollen. Doch genau wegen dieser Angewohnheit wollte Sven sie nicht mit seiner Maschine besuchen, die Großmutter hatte schon auf sein erstes Auto gespuckt, um allzeit gute Fahrt zu wünschen. Svens Eltern, Jörg und Elfi Drenkard, fahren also ohne ihn. Erzählen der Großmutter, dass Jörg und Sven gemeinsam den Motorradführerschein gemacht haben. »Mach dir keine Sorgen«, sagt Jörg Drenkard am Kaffeetisch zu seiner Mutter. »Sven ist vorsichtig. Der bleibt lieber zehn Stundenkilometer unter als über dem erlaubten Limit. Da passiert nichts.« Zu Hause macht Sven sich für eine Tour mit dem Motorrad bereit. Ein Freund begegnet Sven eine Stunde später zufällig an einer Straßenbiegung kurz vor der Ortschaft Würgau in der fränkischen Schweiz, zwanzig Kilometer östlich von Bamberg. Sven steht am Straßenrand, seine weiße Kawasaki liegt neben ihm im Gras. Er ist gestürzt. Der Freund will wissen, ob etwas passiert sei. Nein, sagt Sven. Er wirkt wütend. Es sei besser, mit dem Weiterfahren etwas zu warten, rät der Freund. Erst mal runterkommen und warten, ob alles okay sei. Stattdessen greift Sven nach seinem Helm. Abschiedsgruß. Dann fahren beide in entgegengesetzte Richtungen weiter.

Warum Sven stürzte, bleibt unklar. Vielleicht ist er einem Tier ausgewichen oder zu scharf abgebogen und mit dem Vorderrad weggerutscht. Fest steht, dass Sven nur wenige Minuten weiterfährt, bergab durch das Dorf Würgau, etwa einen Kilometer entfernt, bevor er erneut stürzt.

Als Svens Eltern von der Großmutter zurück nach Hause kommen, rennt die Nachbarin auf sie zu. Die Polizei war da. Worum es geht? Weiß sie nicht. Im Haus klingelt das Telefon. Es ist Nadine, Svens beste Freundin. Sie hat auf dem Onlineportal der Regionalzeitung von einem Unfall gelesen. Der 21 Jahre alte Fahrer eines Motorrads, Marke Kawasaki, beschleunigte kurz nach dem Ortsschild Würgau auf der B22. Die zwanzig Jahre alte Fahrerin eines VW vor ihm bog scharf nach links ab. Das Motorrad prallte gegen das Heck des Autos.

»Wo ist der Sven?«, ist Nadines erste Frage.

»Der Sven ist mit dem Motorrad unterwegs «, antwortet der Vater.

»Wo unterwegs?«

»Am Würgauer Berg.«

»Es tut mir leid, es tut mir so leid!«

Nach dem Telefonat geht Jörg Drenkard in die Küche, dann ins Arbeitszimmer. Zieht seine Hose aus und wieder an, ohne zu wissen, wieso. Er setzt sich auf die kleine Holzbank vor dem Haus. Warten. Ein Polizeiwagen stoppt am Straßenrand, zwei Polizisten und ein Sozialhelfer steigen aus.

»Sagt mir nicht, dass er tot ist«, sagt der Vater.

»Doch.«

Elfi Drenkard sitzt trotz der Nachricht bis 21 Uhr auf der Couch und wartet, um 21 Uhr wollte ihr Sohn zu Hause sein. Er war doch immer pünktlich.

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