Die Literatur ist tot – und was heißt das jetzt für die Reportage?

Heute gilt es als Qualitätsmerkmal, wenn eine Geschichte auf „wahren Begebenheiten“ beruht. Der Fiktion trauen wir scheinbar nicht mehr. Unser Autor Alexander Rupflin sieht darin eine Chance für die Reportage

Kann ja sein, dass es losging mit „Min Kamp“ von  Karl Ove Knausgård und der Faszination an der absoluten Autobiografie. Oder, als zum ersten Mal jemand von „Fake News“ sprach und als „Narrativ“ zum Modewort wurde. Keine Ahnung. Ich denke, es ist unsere natürliche Reaktion auf die Dekonstruktionsgeilheit der Postmoderne gewesen: Eines Tages trauten wir der Fiktion nicht mehr.

Vor einigen Monaten behauptete Olga Tokarczuk in ihrer Nobelpreisrede, sie werde oft gefragt, ob das, was sie schreibe, auch wirklich wahr sei. Als habe es anderenfalls weniger Wert, als handle es sich dann eben um Fake News. Die Transzendenz der Kunst lehnt der Leser mit dieser Frage ab. Er will auf der festen, greifbaren Ebene der tatsächlichen, gegenständlichen Erfahrung bleiben, die uns größere Sicherheit in ihrer Bedeutsamkeit vermittelt. Tokarczuk erkennt das als Indiz dafür, dass die (westliche) Literatur ausstirbt.

Die Zeit der Fiktion scheint vorerst vorbei

Knausgård würde vielleicht einwenden, dass gerade auch das reale Leben kunstfähig sei. Dass man sich nur daran wagen müsste, mit der Realität als solches umzugehen, und zwar nicht durch Verdichtung, sondern durch schonungsloses archäologisches Offenlegen des Geschehenen, ohne Interpretation. Detail für Detail.

Der Erfolg von Knausgårds Selbstentblößungs-Projekt zeigte mir allerdings vor allem: Wir Leser sehnen uns nicht länger nach Fiktionen, die ein Autor erfindet. Erst recht nicht nach dem experimentellen, spielerischen, verzerrenden Umgang mit Welt-Raum und unserer Wahrnehmung in diesem und auf uns. Ich behaupte mal, Autoren wie James Joyce, Gertrude Stein, Arno Schmidt, Friederike Mayröcker oder die Gruppe Oulipo würden 2020 als Newcomer deutlich weniger Beachtung finden.

Uns zieht ein anderes Merkmal an: Für ein literarisches Werk ist es heute betonenswert, wenn es auf „wahren Begebenheiten“ beruht. Als würde das die Qualität automatisch erhöhen.

Vielleicht entwickelte sich diese Sehnsucht nach Echtheit auch aus der aktuell als politisch und ökologisch unsicher empfunden Lage– oder dieses Gefühl kommt überhaupt erst durch die Überinformation über eine Lage, gleich welcher, der wir ausgesetzt sind und unserer damit einhergehende Überforderung, all diese Informationen einzuordnen. Anders: Umso mehr ich mich den Informationen hingebe, umso stärker entsteht der Eindruck, Überblick über die Wirklichkeit zu haben. Umso mehr führt aber dieser Eindruck dazu, dass ich mich in dieser Wirklichkeit verirre: Kann mir jetzt endlich mal jemand sagen, was wirklich wahr ist? Wo ist die endgültige Erklärung? – Sich unwirklich fühlen in einer ganz realen Situation. Wer das fühlt, braucht wirklich keine Fiktion mehr.

Sehnsucht nach Wahrheit

Ich glaube, Olga Tokarczuk sieht das ähnlich. Ihre These zur Fiktionsskepsis geht so: Das Fiktionale habe darunter gelitten, dass sich viele Menschen oft fehlinformiert oder regelrecht belogen fühlen. Entsprechend sei die Sehnsucht nach Wahrheit, nach den Fakten und der Realität gewachsen.

Der Literarturmarkt hat darauf reagiert. Eine neue Strategie lässt literarische Werke durch „echte“ Zutaten möglichst dringlich scheinen. Im Amerikanischen hat sich der Begriff der „Faction“ als Bezeichnung für eine nicht sehr neue, aber enorm populäre Genrebezeichnung durchgesetzt. Klassisches Beispiel dafür ist Truman Capotes „Kaltblütig“. Überhaupt das gesamte True Crime Genre lebt davon, dass der Erzähler behaupten kann: Das ist genauso wirklich passiert. Aber während früher vor allem Trashformate wie „X-Faktor“ ihren Wert steigerten, indem sie betonten, dass ihre Geschichten wahr seien, sind wir heute auch in der „ernsten Literatur“ überzeugt, ein Kunstwerk gelte mehr, wenn es in der wirklichen Welt verankert und dadurch beglaubigt ist. Der alte Slogan der „Faction“ heißt: Die besten Geschichten schreibt immer noch die Wirklichkeit.

In seinem Essay „Der falsche Zauber der Wirklichkeit“ fragt der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich: „Warum braucht es die Wirklichkeit wie einen großen Bruder, der der Kunst beistehen muss, damit sie Gehör findet?“

Der Historiker zitiert Friedrich Schiller, der zu seiner Zeit noch ein ganz anders Verständnis davon zu haben schien, wie mit Fakten innerhalb der Literatur umzugehen ist: „Je imposanter der Stoff an sich selbst ist, desto triumphierender ist die Kunst, welche über diesen die Herrschaft behauptet.“ – Schiller meinte damit, der Stoff, auf dem das Werk beruht, wird der Erzählung untergeordnet und erfährt gerade dadurch neue Entfernung, aus der heraus die Wirklichkeit unabhängig des beschriebenen Einzelfalls neu bedacht und beurteilt werden kann. Indem der Schriftsteller den Stoff verarbeitet, schafft er zu dem tatsächlichen Geschehen eine intellektuelle Distanz, die eine neue, freie Besichtigung zulässt. Durch das Konkrete im Fiktiven wird die Abstraktion möglich.

Was bedeutet das für die Reportage?

Heute sieht man es umgekehrt: Die Kunst allein ist zu verklärend, zu weltfremd und kann die komplexe Welt nicht verarbeiten.

Gleichzeitig – und hier komme ich zur Reportage – hat sich dieses neue Prinzip in den Massenmedien umgekehrt. In der Werbung ist das sogenannte „Storytelling“ seit Jahrzehnten Standard. Aber inzwischen feiern auch Redaktionen den Begriff. Dass die reine Faktenebene nicht mehr ausreicht, um Leser zu gewinnen, ist allen klar. Jede Lokalzeitung spricht davon, „magaziniger“ zu werden. Damit meinen Redakteure vor allem, Informationen in einer ästhetisierten und emotionalisierten Weise vermitteln zu wollen. Der Aufbau solcher Magazin-Storys erinnert an konventionelle Drehbücher, mit durchschaubaren Ebenen und klarer Moral am Ende.

Daran ist wenig auszusetzen. Zeitungen und Magazine produzieren für die Masse und sind dadurch bestenfalls demokratisch. Dabei muss ich mir als Reporter allerdings bewusst werden, dass ich die Wahrheit in gewisser Weise fiktionalisiere, indem ich dem beschriebenen Geschehen eine Kausalität verleihe, weitere Ebenen hinzuinterpretiere und verdichte. Das ist weder Betrug am Leser, noch Verfälschung der Tatsachen. Es ist der natürliche Schreibprozess, bei dem das Geschehen zur Erzählung wird. Jeder ehrliche Zeuge vor Gericht tut das. Wichtig ist, dass ich die Gefahr der Vereinfachung kenne, dass ich weiß, wo die Verfälschung beginnt und als Reporter meinen Text auf diese Gefahren hin überprüfe.

Umso spannender finde ich es, wie sich Fiction, Faction und journalistische Reportage in den vergangenen Jahren angenähert haben – und zwar von beiden Seiten aus. Ich weiß nicht, was der Grund dafür ist. Vielleicht besteht zugleich durch die Informationsplage die Sehnsucht nach dem erzählenden Journalismus, der den losen Fakten eine Geschichte mit Anfang und Ende entgegenhält. Vielleicht ist sowohl Faction als auch Reportage das gleiche Psychopharmakon gegen den Nachrichtenirrsinn – nur von zwei unterschiedlichen Herstellern, mit leicht unterschiedlicher Rezeptur.

Eine Chance für Reporter

Für Reporter ist diese Entwicklung eine Chance. Sie bewegen sich mit ihren Reportagen häufig nah an der Faction, was in Ordnung ist, solange die journalistischen Grundsätze gewahrt bleiben. Nichts ist für die Gattung Reportage vernichtender als die Enthüllung vermeintlicher Fakten als Fake. Dann verliert die Geschichte ihren Wert: dass sie trotz der Komplexität der in ihr beschriebenen Realität ein Ganzes ergibt.

Mit ihrer Gattung könnten Reporter theoretisch vom Zeitgeist profitieren. Weil wir Reporter uns anstelle des Lesers den Fakten und Unsicherheiten aussetzen, sie prüfen, verifizieren und anschließend zusammenbauen – zur Geschichte machen, die aber nicht unbedingt eine endgültige Antwort liefert (vielleicht sogar nur noch mehr Fragen aufwirft). Der Journalismus überlässt es noch immer den Buchverlagen (und Netflix!!) die Nachfrage nach wahren Geschichten zu befriedigen. Große Ausnahme ist die Kriminalreportage (mit enormen Erfolg). Herrscht ein Vorbehalt gegenüber dem erzählenden Journalismus? Jedenfalls wundert es mich nicht, dass ausgerechnet der alte „New Yorker“ mit seiner Mischung aus Reportagen und Kurzgeschichten seit Jahren eines der wenigen Magazine der westlichen Welt ist, dessen Auflage steigt.