Die Kriminalreportage – Voyeuristischer Hype oder Sinnsuche

Auf einem Reporterworkshop, organisiert von der Reportageschule, erzählte unser Autor Alexander Rupflin letztens von seiner Motivation als Kriminalreporter sich mit dem vermeintlich Bösen, Unmenschlichen und Randständigen zu befassen. Hier die gekürzte Fassung zur Nachlese

Von Alexander Rupflin

Vor einigen Jahren bin ich im zweiten Kapitel von Thomas Manns „Zauberberg“ auf den Begriff des „hohlen Schweigens“ gestoßen. Thomas Mann verwendet dieses Bild im Zusammenhang mit der gewaltigsten aller Frage: Der Frage nach dem „Wozu?“ 

Er schreibt: Dem, dem keine Antwort auf diese Frage nach dem „Warum“ einfällt, der brauche, um überhaupt lebensfähig zu bleiben, entweder eine „sittliche Einsamkeit“ oder eine „sehr robuste Vitalität“. 

Ich für meinen Teil muss sagen: Auf Ersteres habe ich keine Lust und Letzteres besitze ich schlicht nicht. Also bleibt mir eben nur eins: Die Suche nach der Antwort auf das „Warum?“.

Der Vortrag zum Nachhören

Das Mittel, mit dem ich meine Suche nach dem „Warum?“ begehe, ist das Schreiben – das Schreiben von Geschichten. Ich denke, dass das Erzählen von Geschichten das archaistische und grundlegendste Mittel für unsere Sinnsuche ist. Ich glaube, der Grund dafür, dass wir uns überhaupt Dinge erzählen, egal ob in der WG-Küche, im Buch, im Film, auf der Theaterbühne ist jene Sinnsuche. Die Erzählung – besonders auch in Form der Reportage – lässt die chaotischen Ereignisse des Seins in eine Kausalität, einer Abfolge, einen Kontext, einer Logik erscheinen, die Anfang und Ende besitzt. Die Erzählung ordnet und vereinfacht. Während Ereignisse an sich etwas Fluides sind, etwas Temporäres, etwas, dem selbst keine Botschaft innewohnt. Erst wenn wir über ein Ereignis dann berichten, vermitteln wir diesem durch den Akt des Erzählens einen Inhalt – und also einen Sinn.

Insgesamt drei Fragen sollte eine Geschichte beantworten: 
Was?
Wie?“ 
Und eben: „Warum?

Das „Was?“ fragt nach der Handlung: Es zeigt und offenbart die Figuren der Erzählung, es bietet Szenen, indem es die Figuren in eine konkrete Zeit und einen konkreten Ort agieren lässt. Das „Was?“ gibt aber auch Antwort auf das, was wir in der Reportage als Metaebene bezeichnen.

Das „Wie?“ dagegen betrifft die Art und Weise der Erzählung: Mit welchem Stil wird erzählt, welche Sprachfiguren werden verwendet, welche Stimmung wird vermittelt.

Das „Warum?“ schließlich ist der Kern und der Ursprung der Erzählung und es bezieht sich auf zwei Seiten der gleichen Medaille. 

Erstens: Warum handelt der Protagonist wie er handelt?

Und Zweitens: Warum ist diese Geschichte überhaupt erzählenswert?

Es sind diese beiden Fragen, die implizit die große Sinnfrage aufwerfen und möglichst auch beantworten. Als Leser lernen wir vom Leben an sich, während wir auf dem Sofa sitzen und Figuren für uns handeln.

Was hat das mit der Kriminalreportage zu tun, um die es hier gehen soll?

Meiner Erfahrung nach befasst sich kaum andere Gattung mit der Suche nach dem Warum so sehr, wie die Kriminalreportage mit ihrer Auseinandersetzung mit dem Kriminellen und Randständigen. 

Und das hat, denke ich, zwei Gründe:

Der erste Grund ist durchaus eine Form des Voyeurismus. Wenn ich über ein Verbrechen schreibe, interessiert mich vor allem die Vorgeschichte, also: Warum ist es zu dieser Tat gekommen? Dazu spreche ich über mehrere Treffen und viele Stunden hinweg mit Tätern, Angehörigen, Zeugen und wenn möglich den Opfern. Ich besorge mir die gesamte Akte. Ich lese jede Seite. Mich interessieren vor allem psychologische und psychiatrische Gutachten, protokollierte Zeugenvernehmungen und die Suche der Ermittlungsbehörde nach einem Tatmotiv. Ich befrage all mein recherchiertes Material mit zwei der oben genannten Fragen: „Was?“ und „Warum?“ – das „Wie?“ beantworte ich mir anschließend aus den Erkenntnissen den anderen beiden Fragen. 

Bei der Warum-Frage geht es mir nicht allein ums Tatmotiv. Es geht mir um einen Lebensweg, um Perspektiven, um Weltanschauungen. Es geht mir um das Widersprüchliche, um paradoxe Erkenntnisse. Ich glaube fest daran, dass die menschlichste alle Eigenschaften der Widerspruch ist. Und so erwarte ich auf meiner Suche nach dem Warum keine endgültige Antwort, kein Endergebnis. Nur eine Annäherung.

Der zweite Grund, warum ich Kriminalreportagen schreibe, ist die Unverhohlenheit: Es geht in der Kriminalreportage ums Existenzielle, ums Grundlegende, keine Show mehr. Leben und Tod. Gut und Böse. Schön und Hässlich. Gesellschaft und Archaismus. Ich betone das „und“ weil es eben nicht um Gegensätze geht, nicht um ein Schema, sondern um ein transzendentales Sowohl-als-Auch. Beide Seiten sind uns gegeben. Der Mensch hat kein fixes Wesen. Der Vergewaltiger ist eben nicht nur Vergewaltiger – was absolut keine Relativierung seiner Tat bedeuten soll. Doch wir sollten das Vielschichtige nicht verleugnen, nicht verdrängen. 

Ich musste erst lernen, dass sich nicht alle Menschen mit dieser Vielseitigkeit befassen wollen, sie nicht spüren wollen. Sie wollen den Täter als Täter wahrnehmen und sonst als nichts. Dabei verwechseln sie manchmal meinen Wunsch nach Verstehen mit Verständnis.

Doch welche Kriminalfälle sind es überhaupt, die mich als Autor angehen? Das sind zum einen eben solche Fälle, die eine grundmenschliche Wahrheit erzählen. Davon habe ich bereits gesprochen. Das sind Zweitens Fälle, die die sozialkriminologischen Fragen aufwerfen: Warum etwa haben überproportional viele Straftäter einen Migrationshintergrund? Und das sind Drittens Fälle, die rechtspolitische Themen betreffen, wie: Welche Probleme bringt es mit sich, dass forensische Psychiatrien von privaten Unternehmen geführt werden anders als die normale Justizvollzugsanstalt.

Was an diesem Interesse Voyeurismus sein soll, weiß ich nicht. 

Richtig ist aber auch, dass Kriminalreportagen Unterhaltung sein wollen. Weil Reportagen grundsätzlich einen Unterhaltungsanspruch haben sollten. Die Reportage will Emotionen wecken, sie will Spannung erzeugen. Und ich sehe nicht, was an diesem Anspruch, Unterhalten zu wollen, unpassend wäre. Das Gegenteil ist doch der Fall. Zu Landweilen ist Verwerflich, Lesern Lebenszeit mit trockenen Belehrungstexten zu rauben ist verwerflich, Lesern ungefragt die eigene Meinung aufzudrängen, das ist verwerflich.  

Doch über den reinen Anspruch zu unterhalten, braucht es natürlich mehr. Es braucht den Anspruch nach Lebensgefühl, Transzendenz und uneindeutigem Universalismus. 

Und wenn ich hier schon mit Thomas Mann angefangen habe, dann ziehe ich es jetzt auch durch und Ende mit Kafka. Der schrieb: Bücher, die unser Leben verändern, die uns befreien, erheben einen nicht, sie stürzen einen zunächst ins Entsetzen. Sie sind ein Gewaltakt gegen unsere Gewohnheiten, gegen den Trott, gegen die alltägliche Unempfindlichkeit. Sie reißen uns im wortwörtlichen Sinne aus etwas heraus.

Ich denke, der gut geschriebene Kriminalreporte, überhaupt die gute Reportage, kann das ebenso.