Aristokratischer Punk

Lady Gaga und Beth Ditto sind Fans der Schöpfungen von Odély Teboul. Die Designerin macht vor, wie man in der Modewelt Erfolg haben kann, ohne sich anzupassen.

Text: Ruth Fulterer
Fotografie: Oliver Helbig

Der Name eines der aufsehenerregendsten Labels Deutschlands klebt auf einem Pappschild über den Klingeln: Lou de Bètoly. Ein Wohnhaus in Berlin-Neukölln, hier lebt und arbeitet die Französin Odély Teboul. Sie öffnet die Tür, eine Frau Mitte 30 mit hohen Wangenknochen, dunklen Schatten um die Augen und einem verschmitzten Lachen, das ihr ganzes Gesicht einnimmt. Sie kann Deutsch, spricht aber lieber Englisch, mit französischem Akzent und dunkler Stimme.

Das Atelier, zwei Zimmer der Wohnung, ist vollgestopft mit Stoffen, Kleidungsstücken, Aktenordnern und dem, was Teboul „Materialien“ nennt. Fundstücke von Flohmärkten und Reisen um die Welt: ein Stück Spitze aus Indien, perlenbesetzte Häubchen, mit dem wohl Cabaret-Damen in den Zwanzigerjahren ihre Brust bedeckten. Odély Teboul zeichnet keine Entwürfe, sie lässt sich von ihren Rohstoffen inspirieren. Gerade arbeitet sie an einem Top aus Glasperlenketten, es hängt an einer Modepuppe mitten im Raum. Die bunten Ketten aus Indien webt sie mit Büscheln aus Plastikfäden zu einem netzartigen Oberteil, das auch nach Fertigstellung vor allem aus Löchern bestehen wird. Funktionalität heißt für Teboul, dass man ihre Kleidung auf einen Bügel hängen und anziehen kann, ohne dass sie auseinanderfällt. In erster Linie ist das Modemachen für sie eine Ausdrucksform.

brand eins: Wer soll Ihre Kleider anziehen?

Odély Teboul: Meine Kundinnen sind sicher Menschen, die sich einiges leisten können. Außerdem brauchen sie Selbstbewusstsein und eine gewisse Experimentierfreude.

Experimentierfreude ist gut: Ihre Kleider sind nicht gerade alltagstauglich.

Es gibt in meinen Kollektionen Stücke, die man tatsächlich kaum anziehen kann. Aber das sind auch Einzelstücke, ein kreatives i-Tüpfelchen. Andere Sachen sind zwar auffällig, aber durchaus tragbar: der Pulli, in den ein paar Löcher geschnitten und Häkelpartien eingefügt sind, das Kleid mit Patchwork aus verschiedenen Spitzen und Stickereien. Leider gibt es ja kaum noch Gelegenheiten, sich opulent zu kleiden, nicht einmal mehr in der Oper. Es bleiben nur Hochzeiten.

Was ist mit Ihnen? Ziehen Sie Ihre Sachen an?

Zum Text auf brandeins.de