Alle für einen

Hans Daiber wurde mit einer kognitiven Behinderung geboren. Als sein Vater starb, hätte er eigentlich aus seinem Hof in einem schwäbischen Dorf ausziehen müssen. Doch stattdessen kümmert sich das ganze Dorf um Hans.

Erschienen in SZ-Magazin, 01.02.2021

An der Tür des Daiberhofs hängt ein großes Schild: »Hans suchen per GPS.« Es folgt eine Anleitung in vier Schritten. Erstens: eine SMS an Hans aufsetzen. Zweitens: *#0# eintippen. Drittens: die GPS-Daten abwarten und dann viertens: mit Google Maps Hans’ Standort ermitteln.
Jeden Tag schlüpft Hans Daiber in seine Wanderstiefel und verschwindet im Nebel. Besonders in den Wintermonaten kommt er erst in der Dunkelheit von seinen Spaziergängen nach Hause. Er trägt eine leuchtende Warnweste, eine rote Ledertasche um den Hals und im Winter eine Wollmütze. In der Tasche, die vor seiner Brust baumelt, steckt ein kastenförmiges Handy, mit dem er nicht telefonieren, aber geortet werden kann. Dank des Schildes an der Tür des Daiberhofs können alle Dorfbewohner Hans’ Standort mit dem Handy herausfinden. Manchmal blinkt das Signal von Hans Kilometer entfernt auf, in Faurndau, der Kreisstadt Göppingen oder im Schurwald.
Das Dorf Oberwälden, 450 Einwohner, ist eine Teil- gemeinde von Wangen, versteckt im schwäbischen Baden- Württemberg. Wobei viele Oberwäldener niemals einen Fuß in die Wangener Kirche setzen würden. Eingerahmt von Weizenfeldern, verbindet der Eselsweg die beiden Dörfer miteinander.
Seit Jahren beobachten die Dorfbewohner durch ihre Küchenfenster, wie Hans leicht schlurfend auf den Eselsweg abbiegt. Dort verschwindet die Warnweste zwischen den Feldern. Die weiße Wollmütze schief auf den grauen Haaren, darunter das Hans eigene Lächeln, von einem großen Ohr zum anderen. Wenn sie ihm begegnen, bleiben sie kurz ste- hen und heben die Hand. »Hallo, Hans!«

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