40 Jahr, kurzes Haar

Sie trägt weder enge Röcke noch Make-up. Dass sie homosexuell ist, hat sie nie verheimlicht. Und trotzdem wurde die Schlager-Sängerin Kerstin Ott zum Star – in einer der konservativsten Branchen des Landes. Wie ist ihr das gelungen?

Erschienen in SZ-Magazin, 10.03.2022 // Foto: Felix Adler

Jetzt, genau jetzt hätte sie auf die Toilette gemusst. In der ­Eiderlandhalle in Pahlen, tief im Kreis Dithmarschen versteckt, wird im Jahr 1999 die Musik runtergeregelt, dann das ausgemachte Zeichen: »Heute Abend bei uns zu Gast … KERSTIIIN OTT!!!!!« Mit knapp 2000 Menschen hat der Talentwett­bewerb mehr Publikum angelockt als sonst die Dorfdiskothek »Pahlazzo« nebenan. Der Moderator Toni Tornado rauscht von der Bühne, dann beginnt der selbst geschriebene Song mit einem dreißigsekündigen Gitarrensolo. »Das Problem war, dass ich mir für das instrumentale Solo nichts überlegt hatte«, sagt Ott heute. »Ich stand einfach nur dreißig Sekunden da und habe auf den Boden geschaut.« Die Stimme zu blechern. Die Lichter zu grell. Zu allem Überfluss versagt auch das Feuerzeug, das sie im Mittelteil als Showeffekt schwenken wollte. Sie belegt Platz acht von zehn und schwört sich, nie wieder nach der Gitarre zu greifen, eine Bühne zu betreten, zu singen. 

»BERLIIN – SEID IHR GUT DRAUF?« 22 Jahre später, 2021, steht in großen Buchstaben in der Mercedes-Benz Arena: »Kerstin Ott forever«. Funkelnde Katzen­ohren. Camp-David-Shirts. Die ganze Halle singt schief mit, als Kerstin Ott Ich geh’ meinen Weg anstimmt. 

2016 ist ein neuer Stern am Schlagerhimmel erschienen: ungeschminkt, lesbisch und in Jeans. Eine Kindheit in Pflegefamilien, Coming-out als Jugendliche, Ausbildung zur Malerin und Lackiererin, die Spielsucht, die sie in die Schulden trieb – und dann noch diese Bühnenangst. Wie kommt man dazu, im Scheinwerfer­licht zu stehen, wenn man selbst glaubt, nicht dahin zu gehören? Ott wird an keinem unsichtbaren Seil von der Decke gelassen, man sieht keine Tänzer hinter ihr hüpfen, keine glitzernde Schminke, keine Performance. Ab und an wackelt sie mit dem rechten Bein. Am T-Shirt-Stand hat man die Wahl: »Nachts sind alle Katzen grau«, »Lass uns die Welt bemalen« oder »Es ist Zeit stolz zu sein«.

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